Geologie

Dünnschliff eines Komatiiten aus Zimbabwe
Inhalt
Was Kohle unter dem Mikroskop verrät
Dr. Udo Maerz, vom 15.11.2012
Die mit dem Devon (ab 400 Mio. Jahre) verstärkt einsetzende Entwicklung der Pflanzenwelt führte zur Bildung von Kohlelagerstätten unter- schiedlichen geologischen Alters in fast allen Teilen der Welt. Eine besonders produktive Phase fand im Karbon (vor 358-298 Mio. Jahren) statt, dem diese Erdzeitalter auch seinen Namen zu verdanken hat.
Die Steinkohlenlagerstätten Deutschlands und in den angrenzenden Ländern entstanden im Oberkarbon, als die Sedimentfracht des sich bildenden variszischen Gebirges in das nördliche, sich langsam absenkende flache Vorland abgetragen wurde. Das Ganze fand in äquatorialen Bereichen statt, begünstigt durch feuchtwarmes Klima konnten sich ausgedehnte Sumpfwälder und Moore bilden mit Bärlappgewächsen und Schachtelhalmen und Farnen in Baumgröße. Versenkung und Sedimentnachlieferung führten zum Aufbau eines 4000 m mächtigen Sedimentpakets mit mehr als 100 Flözen.
Bereits während der Moor-und Sumpflandphase wird das abgestorbene Pflanzenmaterial durch chemische, biologische und bakterielle Prozesse umgewandelt, wobei die Zutrittsmöglichkeit von Sauerstoff eine große Rolle spielt (aerobe/anaerobe Bedingung durch Wasser/Grundwasser). Dabei werden je nach pflanzlichem Ausgangsmaterial die später in der Kohle erkennbaren unterschiedlichen Gefügebestandteile (Macerale) angelegt.
Sedimentüberdeckung führt durch Auspressen des Porenwassers und Verdichtung zur Verfestigung. Bei weiterer Absenkung führt in erster Linie die Temperaturzunahme zur Veränderung der organischen Substanz. Mit Übergang vom Braunkohlenstadium zur Steinkohle kommt es zur Abspaltung von öligen und nachfolgend auch von gasförmigen Reaktionsprodukten (sog. Kerogen, Methan, Kohlenmonoxid). Dieser Prozess führt zu einer relativen Anreicherung des Kohlenstoffs in der organischen Substanz.
Die kohleführenden Schich- ten des Ruhrkarbons wurden durch zunächst durch gebirgsbildende Prozesse auf gefaltet (im Süden stärker als im Norden) und an- schließend durch Bruch- schollentektonik in Horst- und Grabenstrukturen zer- gliedert. Eine große Hilfe bei der markscheiderischen Flöz- parallelisierung sind neben den marin beeinflussten Schichten die Kohlenton- steine. Das sind wenige cm–mächtige Ablagerungen, die durch Veränderung vulkanischer Tuffablagerungen entstehen. Sie sind über weite Strecken zu verfolgen und individuell ausgeprägt.
Zeigen Steinkohlen im Handstück einen streifigen Aufbau spricht man von Streifenkohle oder Humuskohle. Die Streifenarten (Lithotypen) dienen der makroskopischen Klassifizierung und werden gemäß dem makroskopischen Erscheinungsbild beurteilt (Glanzkohle, Halbglanzkohle, Mattkohle, Faserkohle bzw. Vitrain, Clarain, Durain, Fusain).
Ist makroskopisch kein streifiger Aufbau zu erkennen, handelt es sich um Faulschlammkohlen (Sapropelkohlen), die sich unter ständiger Wasserbedeckung gebildet haben. Eine Unterscheidung nach Kännelkohlen (überwiegend Sporen in der Grundmasse) oder Bogheadkohlen (überwiegend Algen in der Grundmasse ) ist nur unter dem Mikroskop möglich.
Mikroskopische Aufnahmen von Kohle-Anschliffen im Auflicht
Das (Auflicht)-Mikroskop ist eines der wichtigsten Werkzeuge zur Untersuchung von Kohlen für geologisch/fazielle und technisch/wirtschaftliche Fragestellungen. In erster Linie ist hier die Bestimmung der Reflexion an Vitriniten (auch Inkohlungsgradbestimmung oder Kohlenartenanalyse genannt) hervorzuheben. Dabei wird die Eigenschaft des Kohlemacerals Collovitrinit mit seinem nahezu strukturlosen Erscheinungsbild genutzt, mit steigendem Kohlenstoffgehalt einen immer größer werdenden Anteil des senkrecht auftreffenden Lichts zu reflektieren.
Mindestens genauso wichtig ist die Maceralgruppenanalyse, bei der die einzelnen Gefügebestandteile im Punktzählverfahren statistisch erfasst und quantifiziert werden.
Für beide Verfahren ist die Kenntnis der Form und Eigenschaften der Macerale und ihrer Veränderung im Laufe der Inkohlung wichtig.
Die Ergebnisse aus Reflexionsmessungen und Maceralgruppenanalyse werden weltweit für die Optimierung der Einsatzkohlenmischung für die Kokserzeugung eingesetzt.
In der Geologie werden verschiedene, aus der Maceralgruppenanalyse abgeleitete Indices benutzt, um unterschiedliche Kohlenbildungsräume zu erfassen und zu unterscheiden (Paläogeographie).
Außer zur Untersuchung von Kohlen wird die Auflichtmikroskopie auch zur Beurteilung von Koksen und Verbrennungsrückständen eingesetzt.
Koks im mikroskopischen Bild
Kohleanschliffe in der Auflichtfluoreszenz
Literatur
- The new vitrinite classification (ICCP System 1994); International Committee for Coal and Organic Petrology (ICCP); Fuel , 77, (1998), pp. 349-358
- The new inertinite classification (ICCP System 1994); International Committee for Coal and Organic Petrology (ICCP); Fuel, 80, (2001), pp. 459-471
- Zur Petrographie und Genese von Naturkoksen im Flöz Präsident/Helene der Zeche Friedrich Heinrich bei Kamp-Lintfort (Linker Niederrhein); Teichmüller, M.; Geol. Mitt., 12, (1973), S. 219-254
- Die ersten Eruptivgänge und Naturkokse im Rheinisch-Westfälischen Steinkohlengebiet; Niemöller, B.; Markscheidewesen, 96, (1989), S. 337-344
- Zirkon- und Quarzvarietäten in Kaolin-Kohlentonsteinen der Bochumer Schichten (Westfal A) des Ruhrkarbons; Füchtbauer, H. und Riedel, D.; Glückauf-Forschungshefte, 40, (1979).S. 130-132
- Ruhrkohlen Handbuch, 6. Auflage; Verlag Glückauf, Essen, (1984)
Web Links
http://www.iccop.org/uploads/media/The_new_inertinite_classification__
ICCP_System_1994_.pdf
The new inertinite classification (ICCP System 1994) in: Fuel 80 (2001) 459-471 (frei zugänglich)
http://www.iccop.org/uploads/media/The_new_inertinite_classification__
ICCP_System_1994_.pdf
The new inertinite classification (ICCP System 1994) in: Fuel 80 (2001) 459-471 (frei zugänglich)
http://www.intechopen.com/books/petrology-new-perspectives-and-applications/organic-petrology-an-overview
Suárez-Ruiz Isabel (2012). Organic Petrology: An Overview, petrology - New Perspectives and Applications; Prof. Ali Al-Juboury (Ed.), ISBN: 978-953-307-800-7
http://mccoy.lib.siu.edu/projects/crelling2/atlas
Petrographic atlas of coals, cokes chars,carbons and graphites
Bekannter online-Atlas mit vielen bekannter online Atlas mit vielen Bildern und Erklärungen
Und noch empfehlenswerter die Seite des USGS (US Geological Survey):
http://energy.usgs.gov/Coal/OrganicPetrology/PhotomicrographAtlas/
OPTICCoalMaceralClassification.aspx
Ansehenswert außerdem die Rubriken
ASTM Coal Maceral Classification und blue light/white light interactive comparisons
die Fotos sind beschriftet und unter “view Metadata” gibt es die gemessene Vitrintreflexion.
Die Erze des Siegerland-Wied Distrikts
Prof. Holger Adelmann, vom 01.09.2012
Der nachfolgende Artikel ist sozusagen das Fundament der
MKB Exkursion im Frühjahr 2013. Er beschreibt die Entstehung der Erzlagerstätten im Siegerland-Wied Distrikt und gibt nach und nach viele Beispiele anhand entsprechender Anschliffe.
So wie die in den Vorexkursionen gesammelten Handstücke zu An- und Dünnschliffen verarbeitet sind, werden die Kapitel zu den einzelnen
Paragenesen mit Fotos ergänzt, sodass am Ende eine recht umfangreich mit Mikrofotografien dokumentierte Arbeit über die Erzminerale des Siegerland-Wied Distrikts entsteht. Der komplette Artikel wird später auch als PDF verfügbar sein.
Wir werden in den News auf der Hauptseite und an dieser Stelle informieren, wenn es Neuigkeiten zu entdecken gibt.
Fortschrittsanzeige: wo gibt es schon Bilder
Nickelerz aus dem Grubenfeld "Gläser"

Prof. Holger Adelmann, vom 17.04.2012
Im Grubenfeld "Gläser" am bewaldeten Hang südlich des "Enwuch" bei Bad Endbach-Günterod wurde in den 1950er Jahren nach Bunt- metall-Erz geschürft. Es fanden sich nickelhaltige Erzlinsen in einem unter- karbonischen Meta-Basalt (genauer: pikritischer Meta-Dolerit), der einst unterirdisch als so genannter Lagergang in verfestigte Meeres-Sedimente des älteren Devon-Zeitalters eingebrochen (intrudiert) ist.
Die Prospektion wurde als wirtschaftlich unrentabel eingestuft und der Schurf somit schnell wieder aufgegeben.
In dem topographischen Kartenwerk der Region weisst nichts mehr auf ein Bergwerk hin, lediglich in der tektonischen Spezialkarte zur Geologischen Karte 1:25.000 Blatt Oberscheld, ist es mit dem Namen und einem Stollen einge- zeichnet und in den Erläuterungen zur Geologischen Karte kurz erwähnt.
Aufgrund der genauen Angaben konnte der Schurf recht schnell aufgefunden werden. Alte, verfallene Stollenmünder liegen an einem steilen Hang zwischen zwei parallel verlaufenden Waldwegen. Im Bereich der alten Grabungen finden sich die erwähnten, im Laufe von Jahrmillionen umgewandelten ehemaligen Basaltgesteine, die hier vor mehr als 60 Jahren an die Erdoberfläche gefördert wurden.
Beim Aufschlagen der Stücke finden sich recht oft haselnussgroße Erzlinsen im Gestein, welche manchmal einen frischen Eindruck machen, andererseits aber auch durch Oxidation und unter Wassereinfluss verändert sind. Eine solche frische Erzlinse wurde im nachfolgenden angeschliffen und poliert, und dann unter dem Mikroskop im auffallenden Licht fotografiert.
Man sieht sehr interessante Verwachsungen verschiedener Erzmineralien, die in unterschiedlichen Farben auffallen: es gibt große Flächen eines weißlichen (Pyrit), sowie eines hellgelben Erzes (Kupferkies). Auch sind etwas kleinere Flächen eines hellgrauen, sowie - deutlich seltener - eines hellblau erschei- nenden Erzes zu sehen.
Zum Vergleich hier Aufnahmen von einem Dünnschliff des gleichen Materials.
Eine kleine Anekdote zum Schluss: Die Metallnamen Nickel und Kobalt stammen aus dem alten Bergbau des Mittelalters. Auf der Suche nach den bekannten und begehrten Silber- und Kupfererzen fanden die Bergleute damals manchmal viel versprechende Erze, aus dem sich jedoch einfach kein Silber oder Kupfer erschmelzen lassen wollte.
Heute weiß man, dass manche Nickelerze (z.B. Rotnickelkies) und Cobalderze einigen Kupfer- bzw. Silbererzen äußerlich sehr ähnlich sein können. Damals kannte man noch nicht so viele Metalle, aber eine Erklärung war schnell gefunden: die allseits bekannten und berüchtigten Berggeister ("Nickel") bzw. Kobolde hatten das Erz verzaubert und somit unbrauchbar gemacht.
Alle Aufnahmen, soweit in der Bildunterschrift nicht anders benannt, von Prof. Holger Adelmann.
Nachtrag
Die MKB Exkursion zu den Aufschlüssen der Dillmulde führte uns auch wieder zum Grubenfeld Gläser und nach ein wenig Schürfen bei den alten Mundlöchern der Versuchsstollen konnten wir einige schöne erzhaltige Stücke bergen. Stefan Örtel - einer der Teilnehmer - hat davon Anschliffe gemacht und reflexionsspektroskopisch untersucht, was ihm eine genauere Bestimmung der Erze erlaubt. Seine Ergebnisse stellt Stefan im Mikroskopieforum vor, hier der Link:
Anschliffbilder und Spektroskopische Untersuchung von den Erzen des Grubenfeldes Gläser
Und mit Stefans freundlicher Genehmigung auch eines seiner Bilder mit der Benennung der gefundenen Erze:

Erze in Meta-Basalt aus dem Grubenfeld Gläser. Auflichtaufnahme vom polierten Anschliff. Klick zum vergrößern des Bildes.
- Chalcopyrit
Kupferkies, ein Kupfereisenerz, benannt nach gr. chalkos = Kupfer und gr. pyros = Feuer. Es handelt sich um Kupfereisensulfid: CuFeS2.
- Millerit
Nickelkies oder Haarpyrit, Nickel(II)sulfid: NiS.
- Ullmannit
Nickelantimonkies, ebenfalls ein sulfidisches Nickelerz mit der Summenformel NiSbS.
- Pyrit
Das bekannte Katzengold; Eisen(II)disulfid: FeS2.
Literatur
Geologische Karte von Hessen 1:25.000 (GK25)
Blatt 5216: Oberscheld
Hochdruckminerale aus den Italienischen Alpen

Prof. Holger Adelmann, vom 09.12.2011
Der vorliegenden Artikel handelt von einer minera- logischen Spezialität: ein hoch-metamorphes Gestein aus dem Dora Maira Gebiet in den Italienischen Alpen (Piemont). Die Fundorte liegen im Val Gilba und den benachbarten Berghängen, nordwestlich von Cuneo und südlich von Sanfront und anhand der Dünnschliffe der Fundstücke lassen sich sehr schön einige Besonderheiten metamorpher Gesteine zeigen.
Als metamorph bezeichnet man Gesteine die in der Regel unter Druck und/oder Temperatureinfluss in andere Gesteine umgewandelt wurden. Dabei wird auch der Mineralgehalt verändert. Als Ausgangsgesteine für einen metamorphen Prozess kommen alle existierenden Gesteine in Frage, also z.B. Sedimente, Vulkanite, Granite, und natürlich auch bereits schon durch frühere Vorgänge metamorphisierte Gesteine. Die notwendigen Drücke und Temperaturen werden regelmäßig nur in tieferen Schichten der Erdkruste erreicht. Metomorph veränderte Gesteine haben also eine im wahrsten Sinne des Wortes bewegte Geschichte.
Das hier vorgestellte Gestein ist ein
Pyrop-Disthen-Talk-Phengit-Schiefer / Quarzit und gehört in die so genannte Eglogitfazies. Zu dieser Fazies (geologischer Sammelbegriff) zählt man Gesteine die unter extrem hohem Druck und hohen Temperaturen entstanden sind.
Der weiter unten folgende Artikel
Mikrotektonik - Die Verformung von Gesteinen im Dünnschliff betrachtet zeigt weitere Proben mit ähnlicher Entstehungs- geschichte.
Die Bilder 1 bis 3 zeigen den sehr schönen, farbenfrohen Quarzitschiefer.
Die Ausgangsgesteine der jetzigen Dora Maira Metamorphite waren wohl Meta-Basite, also basische magmatische Gesteine. Diese Gesteine wurden durch tektonische Prozesse (Verschiebung der Kontinentalplatten) ca. 100 km tief (!) versenkt, dort metamorphisiert (umgewandelt) und anschließend wieder herauf befördert.
Man geht bezüglich der Entstehung der Dora Maira Metamorphite vor ca. 35 Millionen Jahren von Drücken größer als 30 kbar und Temperaturen von mindestens 700 °C aus. Als Hinweis auf diese Metamorphose unter Extrembedingungen fand man im Dora Maira Gestein - typischerweise in blass rosa Granatkristallen vom Pyrop-Typ eingeschlossen - die Quarz-Hochdruck-Modifikation Coesit. Coesit ist wie Quarz chemisch SiO2, hat aber ein anderes, stärker gepacktes Kristallgitter und somit eine höhere Dichte.
Beim Wiederauftauchen des metamorphisierten Gesteins von Dora Maira aus großer Tiefe kam es teilweise zu einer Rückumwandlung der SiO2 Hochdruckvariante Coesit in die Normalvariante Quarz. Dies ist natürlich wegen der oben beschriebenen Unterschiede im Kristallgitter mit einer Volumenzunahme verbunden, die dazu führt, dass die im Granat einge- schlossenen Coesite bei der Rückumwandlung in Quarz den Granatmantel regelrecht sprengen.
Die Bilder 4 (POL parallel) und 5 (POL gekreuzt) zeigen so einen Coesit-Quarz-Cluster inmitten eines Pyrop Kristalls. Man sieht sehr schön die von dem Cluster ausgehenden
radialen Sprengrisse im Granatkristall (Granate sind isotrop, also nicht-doppelbrechend und erscheinen daher unter gekreuzten POL Filtern schwarz).
In Bild 5 sind die Minerale bezeichnet. Man sieht deutlich den gestreiften Kranz zurückverwandelten Quarzes um den zentral noch verbliebenen Rest-Coesit. Die Bilder 6 und 7 zeigen noch mehr Details.
Bild 4

Coesit mit Quarzring eingeschlossen in einen Granatkristall (Pyrop). In polarisiertem Licht bei parallelen Polfiltern.
Bild 5

Coesit mit Quarzring eingeschlossen in einen Granatkristall (Pyrop). In polarisiertem Licht bei gekreuzten Polfiltern.
Bild 6

Coesit mit Quarzring eingeschlossen in einen Granatkristall (Pyrop). In polarisiertem Licht bei gekreuzten Polfiltern.
Bild 7

Coesit mit Quarzring eingeschlossen in einen Granatkristall (Pyrop). In polarisiertem Licht bei gekreuzten Polfiltern.
Coesite fand man beispielsweise auch in der Region um Zermatt-Saas, im Gneiss in den Westregionen Norwegens oder im so genannten Suevit, einer glasigen Tuffbrekzie des Nördlinger Rieses, wo der Coesit vor ca. 14,6 Millionen Jahren durch die extremen Drücke und Temperaturen eines Meteoreinschlages entstand.
Ein weiteres Hochdruck-Mineral im Dora Maira Gestein ist der schöne, im Dünnschliff intensiv lilafarbige Ellenbergerit im Bild 8 unten. Das Dora Maira Massiv ist die Typlokalität von Ellenbergerit, er wurde von dort erstmals 1986 beschrieben und unser lieber Kollege Olaf Medenbach ist an den ersten Untersuchungen und Beschreibungen dieses Minerals nicht ganz unbeteiligt - siehe auch in den Literaturangaben am Ende des Artikels.
Bild 8

Ellenbergerit ist ein Magnesium-Aluminium-Titan-Zirkon-Silikat. Hier in einem Dünnschliff mit einer Dicke von ca. 25 µm.
Alle Aufnahmen: Leitz Orthoplan POL, Moticam 2300.
Für die Überlassung des schönen Präparates danke ich ganz herzlich meinem alten Schulfreund Dr. Hans-Peter Schertl, Ruhr-Uni Bochum, der hierüber recht viel publiziert hat (unter anderem auch mit Olaf Medenbach).
Literatur
- Chopin, C. und Schertl, H.-P. (1999):
The UHP Unit in the Dora-Maira Massif, Western Alps.
International Geology Review 41:765-780.
- Gebauer, D., Schertl, H.-P. und Schreyer, W. (1995):
A 35 Ma old ultrahigh-pressure metamorphism in the Dora Maira Massif and ist geodynamic implications for the Pennine zone of the Central and Western Alps.
Bochumer Geologische und Geotechnische Arbeiten 44:49-53.
- Schertl, H.P. & Medenbach, O. (1994):
Coesit-führender Pyrop-Quarzit, ein spektakuläres Gestein aus dem Dora-Maira-Massiv in den Westalpen.
Min.-Welt, Jg.5, Nr.1, S.14-16.
- Chopin, C., Klaska, R., Medenbach, O., Dron, D. (1986):
Ellenbergerite, a new high-pressure Mg-Al-(Ti,Zr)-silicate with a novel structure based on face-sharing octahedra.
Contributions to Mineralogy and Petrology, 92, 316-321.
Erdmantelxenolithe in den vulkanischen Gesteinen des Devons und Unterkarbons der Lahn- und Dillmulde
Prof. Holger Adelmann, vom 01.11.2011
Der Vulkanismus im Rheinischen Schiefergebirge war besonders im Erdaltertum (Paläozoikum) vom Mitteldevon bis in das Unterkarbon im Zeitraum von ca. 385 bis 330 Millionen Jahren vor unserer Zeit aktiv und hat maßgeblich zum Aufbau dieses großen (jetzt allerdings stark abgetragenen) Gebirges beigetragen.
Dies gilt auch für das Lahn- und das Dill-Becken als heutige Bestandteile des Rheinischen Schiefergebirges. Das Gebiet befand sich damals auf dem südlichen Schelf (= küstennaher Kontinentalsockel) eines Urkontinents, des so genannten Old-Red-Kontinents. Durch eine Streckung und Ausdünnung der Erdkruste im Bereich des Schelf konnten vulkanische Schmelzen entlang von Störungen in der Kruste nach oben durchbrechen. Somit setzten mehrere Phasen eines intensiven Vulkanismus ein, die sich überwiegend untermeerisch abspielten. Nur selten tauchten die Vulkangebäude als Inseln über der Wasseroberfläche auf.
Geologische Karte der Region
Bei den Vullkangesteinen unterscheidet man grundsätzlich zwischen Vulkaniten (massiven Gesteinen aus primär bereits dichten Laven) und Vulkaniklastiten (erst sekundär verdichtete Gesteine aus ausgeworfenem vulkanischen Lockermaterial).
In den teilweise viele tausend Jahre dauernden Pausen zwischen den Ausbrüchen wurden die Vulkangebäude in dem damals tropischen Flachmeer mit mächtigen Korallenriffkomplexen bewachsen. Das erklärt die teilweise intensive Verzahnung von mächtigen Korallenkalklagen und vulkanischen Gesteinen.

Man kann aufgrund der Gesteine und ihrer zeitlichen Stellung einen Mittel-Oberdevon-Grosszyklus und einen Unterkarbon-Grosszyklus unterscheiden, wobei jeder dieser Zyklen wiederum in mehrere Phasen unterteilt werden kann.
Als Gesteine finden sich, wie bei vulkanischen Phasen üblich, Effusivgesteine (an der Erdoberfläche oder untermeerisch ausgeflossene Laven), sowie pyroklastische Gesteine, auch "Vulkaniklastite" genannt: durch Explosionen an die Oberfläche bzw. ins Meer geschleuderte Lavafetzen und vulkanische Asche.
Die unterseeisch ausgeflossene Lava bildete durch die Abschreckung im Wasser und das nachfolgende Aufbrechen der so oberflächenerstarrten Lavaschläuche mit erneutem Ausfließen der Lava die typischen Lavakissen ("Pillow-Laven").
In der Lahnmulde war der Vulkanismus im Devon weit ausgeprägter als im Unterkarbon, in der Dillmulde hingegen waren die unterkarbonischen Vulkanaktivitäten stärker. Beide Grosszyklen lieferten durchaus verschiedene Schmelzen und damit verschieden zusammengesetzte Gesteine. Der devonische Zyklus ist von alkalibasaltischen Vulkaniten geprägt, während der Unterkarbonzyklus kieselsäurereichere sog. tholeiitische Basalte lieferte.
Teilweise wurde die Lava direkt an die Oberfläche bzw. ins Meer gefördert (Unterkarbon-Zyklus), teilweise verweilte sie aber auch noch einige Zeit in Magmakammern in der Erdkruste (Mittel-Oberdevon-Zyklus).
Bei diesem Aufenthalt in den Magmenkammern kam es durch Gravitation zu einer Differenzierung: Die dunklen, schweren Minerale sanken an den Boden der Kammer, die leichteren Anteile der Schmelze stiegen nach oben. Somit sind die hiernach geförderten Gesteine recht unterschiedlich in Aussehen und Mineralzusammensetzung.
In den Spätphasen der oberdevonischen- und unterkarbonischen Zyklen stiegen kleinere Magmamengen als primitive (d.h. ursprüngliche, nicht durch Reifungsprozesse mineralisch differenzierte) Schmelzen sehr schnell an die Oberfläche auf und rissen dabei Stücke des Erdmantels aus ca. 50-70km Tiefe mit sich. Durch den schnellen Aufstieg sind diese Stücke nicht in der Magmaschmelze aufgegangen, sondern erscheinen als abgerundete "Bomben" in den Effusiva und pyroklastische Gesteinen, die allenfalls eine dünne Schmelzrinde zeigen. Die Wissenschaft bezeichnet diese Bomben als Erdmantel-
Xenolithe (griechisch: "fremder Stein", da sie ja eigentlich Fremdkörper in den Schmelzen darstellen).

Aus dem tertiären Vulkanismus der Eifel, des Vogelsberges und der Rhön sind ebenfalls solche Bomben aus dem Erdmantel bekannt, nur sind diese aufgrund des wesentlich geringeren Alters "frisch", d.h. noch nicht in ihrer Mineralzusammen- setzung verändert ("alteriert"). Diese jungen Xenolithe bestehen, wie auch der Erdmantel, zu einem hohen Prozentsatz aus Olivin, einem grünen Magnesium-Eisen-Silikat.
Die ungleich älteren Mantelfragmente aus der Devon- und Karbon-Zeit des Lahn-Dill Gebietes waren ursprünglich sicherlich ebenso zusammengesetzt, sind aber im Laufe von hunderten Millionen Jahren in ihrer Mineralzusammensetzung so stark alteriert, dass sie jahrzehntelang nicht als solche erkannt wurden. Allerdings konnte damals auch niemand erklären, um was es sich bei diesen harten und recht bunten "Kalkknollen" handelt und wie sie entstanden sind.
Auch die alten Vulkanite (und Vulkaniklastite) selbst sind so stark verändert, dass man sie über hundert Jahre lang mit eigenen Namen wie z.B. Diabas, Keratophyr und Quarzkeratophyr bezeichnete. Erst seit den 1970er Jahren ist klar das es sich um alterierten Basalt, Trachyt und Rhyolith handelt. Man trägt dieser Erkenntnis neuerdings dadurch Rechnung, dass man die Namen der Ausgangsgesteine beibehält und als Ausdruck der Alterierung die Silbe "Meta-" davor setzt. Diabas heißt heute also meta-Alkalibasalt, Keratophyr meta-Trachyt, und Quarzkeratophyr meta-Rhyolith.
Bild 1a

Erdmantelxenolithen aus dem tertiären Vulkanismus mit reichlich Olivin
Bild 1a zeigt einen typischen Erdmantelxenolithen aus dem tertiären Vulkanismus (mit ca 25 Millonen Jahre ein echter "Youngster"). Es handelt sich um das angeschliffene Stück eines Bohrkernes aus dem Vogelsberg. Man sieht sehr schön den reichlich vorhandenen grünen Olivin.
Über die vielen Jahrmillionen vom Devon/Karbon bis heute wandelten sich jedoch viele der ursprünglichen Erdmantelminerale in den Xenolithen des Erdaltertums um, ein Prozess, den man als Diagenese bezeichnet. Diese Erdmantel-Xenolithe aus dem Erdaltertum treten nicht häufig auf sondern wollen aus ziemlich versteckten Vorkommen geborgen werden. Hat man sie allerdings einmal gefunden und aufgeschnitten, kann man sich an den tollen Farben und der interessanten Struktur erfreuen, deren Feinbau sich allerdings erst im Mikroskop erschließt.
Bild 1b

Diagenetisch alterierter Xenolith in einer Matrix aus unterkarbonischen Vulkaniklastiten
Bild 1b zeigt einen solchen Xenolithen in unterkarbonischen Vulkaniklastiten. Fundstelle ist ein winziger, total vergessener und verwachsener, regelrecht verwunschener Steinbruch nördlich der Gemeinde Oberscheld östlich Dillenburg. Der Xenolith ist angeschlagen und offenbart seine intensive Farbe, die im krassen Gegensatz zu der grauen umliegenden Matrix aus Vulkaniklastiten steht.
Bilder 2 bis 4
Die Bilder 2 bis 4 zeigen Makroaufnahmen von Erdmantelxenolithen (oben) im umgebenden unterkarbonischen Vulkaniklastiten (unten). Diese schönen Stücke stammen aus einem ebenfalls winzigen, verlassenen Steinbruch nordwestlich des alten Bergwerks 'Tiefe Grube' bei Oberscheld. Man sieht sehr schön den weißen Calcit und die Drusen in der vulkaniklastischen Matrix (unten), sowie schöne metallische und rote, wohl sekundär/diagenetisch entstandene Vererzungen bei der Umwandlung des eisenhaltigen Olivins des Erdmantelxenolithen.
Bild 5

Bild 5 zeigt zwei Gross-Dünnschliffe (ca 50x65 mm) durch die Xenolithe aus Bild 2-4, ebenfalls in der Makroaufnahme.
Die Bilder 6 und 7 zeigen schließlich Details des Übergangs von Erdmantelxenolithen (oben) im umgebenden unterkarbonischen Vulkaniklastiten (unten) aus Bild 5, jetzt unter dem Mikroskop. Hierbei ist der ehemalige Olivin des Xenolithen jetzt vollständig chloritisiert und karbonatisiert (gelbgrüne Fächen), der ehemalige Pyroxenanteil des Xenolithen ist ebenfalls karbonatisiert (gekörnte graue Flächen). Die braunen schlauchartigen Kristalle bestehen aus frischem, d.h. nicht umgewandelten Chromspinell.
Die Bilder 8 bis 10 zeigen Details aus dem schönen drusigen Gestein des unterkarbonischen Vulkaniklastiten.
Und die Bilder 11 bis 13 zeigen Details aus dem Erdmantelxenolithen (Bild 11 zeigt eine Eisenvererzung, Bild 12 eine schöne geometrische Kristall- verwachsung, Bild 13 zeigt Chromspinellkristalle).
Alle Bilder in der folgenden Galerie.
Bilder 6 bis 13
Die oberdevonischen Erdmantelxenolithe sind nicht leicht zu finden. Mir ist nur ein einziger Fundort in der Dillmulde bekannt geworden -und das auch nur nach dreimaligem Anfahren eines gottverlassenen Waldtälchens südwestlich von Dernbach, jeweils mit elender Sucherei trotz geologischer Spezialkarte. Die raren Stücke verbargen sich schließlich unter dem verrottenden Wurzelstock eines vor mindestens 50 Jahren umgefallenen Baumes am Talhang.
Dort konnte ich wunderschöne oberdevonische Vulkaniklastite bergen, die farbenprächtige Erdmantelxenolithe enthielten. Das karbonatisierte Gestein erscheint trotz des hohen Alters von 380 Millionen Jahren noch erstaunlich dicht und 'frisch'.
Bild 14

Endlich am Ziel!
Bild 15

Eine Bombe nach dem Aufschlagen vor Ort.
Bild 16

Das Stück aus Bild 15 nach der Reinigung.
Literatur
[1] Paläozoischer Intraplattenvulkanismus im östlichen Rheinischen Schiefer-
gebirge - Magmenentwicklung und zeitlicher Ablauf
HD Nesbor, Geol. Jahrbuch Hessen 131: 145-182 (2004)
Alle Aufnahmen, soweit in der Bildunterschrift nicht anders benannt, von Holger Adelmann.
Knochenplatten von Asterolepis ornata im Dünnschliff
Prof. Holger Adelmann, vom 24.06.2011
Dünnschliffe von Versteinerungen sind immer ganz besonders faszinierend zu betrachten und manchmal sind die organischen Strukturen so gut erhalten, dass der zugehörige Beitrag in unserer kleinen Bibliothek auch unter "Zoologie und Histologie" erscheinen könnte. Dies gilt auch für die hier vorgestellten Dünnschliffe mit Knochenplatten des Panzerfisches Asterolepis ornata.
Asterolepis ornata lebte vor ca. 370 Millionen Jahre in den Meeren des Oberdevons. In einem Zeitraum von etwa 70 Millionen Jahre (430 bis 360 Millionen Jahre vor unserer Zeitrechnung) waren verschie- dene Arten von Panzerfischen weit verbreitet. Ihr Name bezieht sich auf den mit massiven Knochenplatten gepanzerten Kopf und Vorder- körper der Tiere.
Taxonomisch gehören die Panzerfische in die Gruppe der Gnathostomata, was auf Deutsch etwa 'Kiefermünder' bedeutet. Hierbei stellen die Panzerfische sozusagen die primitivste Fraktion der Gnathostomata, aus denen sich letztlich alle höheren Wirbeltiere (über Knorpelfische, Knochen- fische, Amphibien, Reptilien, Vögel bis hin zu den Säugetieren) entwickelt haben. Die Panzerfische brachten offenbar bereits lebende Junge zur Welt und hatten mutmaßlich auch die erste Form einer koitalen Begattung (gegenüber der einfachen Abgabe von Gameten ins umliegende Wasser).
Im Archiv der
Firma Krantz (Bonn) fanden sich Handstücke aus Lettland mit versteinerten Knochenplatten von Asterolepis ornata, von denen im Labor schöne Dünnschliffe angefertigt wurden. Die Schliffe zeigen sowohl die sternförmige Struktur auf der Oberfläche der Knochenplatten als auch den Knochenaufbau in tieferen Schichten.
Knochenornamente auf der Oberseite der Panzerplatten von Asterolepis ornata
Die im zweiten Schliff quer zur Panzerplatte sichtbaren Knochenstrukturen sind bis in die kleinsten Details sensationell gut erhalten und durchaus mit dem Dünnschliff eines rezenten Knochens vergleichbar, das hätte ich bei einem Stück dieses Alters (370 Millionen Jahre) nicht erwartet!
Daher hier nun die Bilder der versteinerten Knochenplatte zusammen mit zwei Illustrationen aus einem Anatomie-Atlas zum Knochenaufbau.
Die Struktur der Knochenplatten von Asterolepis ornata im Vergleich zum Aufbau rezenter Knochen
Knochen wird typischerweise direkt aus Bindegewebe (z.B. Schädeldach) oder über den Umweg Knorpel (z.B. Extremitätenknochen) präformiert. Dabei differenzieren die pluripotenten Bindegewebs-Fibroblasten zu Osteoblasten, die dann die Knochenmineralisierung einleiten.
Die mineralischen Komponente der Knochen damals wie heute ist Hydroxylapatit, ein Ca-Phosphat
Ca5[OH|(PO4)3]. Es wird bei der Knochenbildung von den Osteoblasten bzw. Osteozyten in das bindegewebige oder knorpelige Grundgewebe ausgeschieden, das somit verknöchert. Die Osteozyten sind die "reife" Version der Osteoblasten und stehen miteinander im fertigen Knochen immer noch über sehr dünne Kanäle mit Plasmafortsätzen in Verbindung. Wenn diese Höhlungen im Schliff des toten Knochen dann mit Luft gefüllt sind, treten sie durch Totalreflektion des Lichtes schwarz hervor.
Der Röhrenknochen hat eine typische lamellär aufgebaute Struktur, die bei der Knochenentstehung einfach dem Reiz der aufzunehmenden Kraftlinien folgt. Blutgefässe durchziehen den Knochen der recht stoffwechselaktiv ist, da er ja bei eventuellen Änderungen des Kraflinienflusses entlang der neuen Erfordernissen umgebaut werden muss um seine stützende Funktion zu erfüllen. Die Blutgefäss-Kanäle sind dabei von konzentrischen Knochenlamellen umgeben, diese nennt man Havers'sche Kanäle.
Literatur
[1] Atlas der normalen mikroskopischen Anatomie
Clara, Herschel, Ferner, 1974
Urban & Schwarzenberg, heute Urban & Fischer
Mikrotektonik – Die Verformung von Gesteinen im Dünnschliff betrachtet
Priv.-Doz. Dr. Thorsten Nagel, Dipl.-Geol. Dr. Jan Pleuger, Dr. Horst Wörmann, vom 09.11.2010
Die vorliegenden Photos zeigen Ausschnitte mikroskopischer Präparate, angefertigt am Geologischen Institut der Universität Bonn. Jeder dieser Dünnschliffe hat etwa ein Viertel der Dicke eines gewöhnlichen Papierblattes. Die mikroskopische Betrachtung von
Gesteinsdünnschliffen ist eine für Strukturgeologen und Petrologen unverzichtbare Methode, Aufschlüsse über Mineralinhalt, genetische Beziehungen der einzelnen Mineralphasen und deren Verhalten während der strukturellen Entwicklung des Gesteins zu erlangen.
Alle fünf gezeigten Präparate stammen von unterschiedlichen Gesteinen aus den Alpen, die während ihrer Entstehung oder Umformung im Erdinneren nicht nur hohen Drücken und Temperaturen sondern auch Scherkräften ausgesetzt waren. Die Auswirkungen dieser Kräfte auf das Kristallgefüge soll hier kurz erläutert werden.
Die einzelnen Abbildungen liegen zur Übersicht in einer Auflösung von 800*600 Punkten vor und können durch Klick auf die Absatzbilder aufgerufen werden. Zusätzlich können Sie die Aufnahmen über die Bilderlinks am Ende der Absätze auch in hoher Auflösung betrachten (die Dateigrößen liegen dann zwischen 2,5 und 6 MB).
Links zu den fünf Proben:
Probe A48: Mylonit aus der Aduladecke (Passo del San Bernardino, Graubünden)
Probe A178: Sediment der Misoxer Zone aus dem Val Vignun
Probe A135: Konglomerat aus der Misoxer Zone im Val Vignun
Probe TN02: Metapelit (metamorpher Tonschlamm)
Probe TN205: metamorphes Gestein aus den Zentralalpen
Probe A48: Mylonit aus der Aduladecke (Passo del San Bernardino, Graubünden)

Die Aufnahme von Probe A48 ist bei unter einem Winkel von 60° zueinander orientierten
Polfiltern und durch ein zusätzliches
Hilfsobjekt (Rot I. Ordnung) entstanden. Daher sind die im Bild sichtbaren Farben überwiegend die durch Materialanisotropie bedingten Interferenzfarben, je nach Orientierung der Mineralkörner vermehrt oder verringert um die Interferenzfarbe des Hilfsobjekts.
Der hier ausgewählte, etwa 25 µm dicke Dünnschliff ist ein
Mylonit aus der Aduladecke (Passo del San Bernardino, Graubünden); der abgebildete Präparatausschnitt ist 5,3x3,9 mm groß. Das Bild zeigt ein intensiv zerschertes Gestein, das sich bei der Verformung nicht spröde verhalten, sondern diese durch kristallplastisches Fließen des Quarz (gelbe bis rote und blaue Farben) aufgenommen hat. Die etwas ungleichmäßige Färbung innerhalb einzelner Körner ist auf die Beanspruchung der Kristallgitter durch äußere Spannungen zurückzuführen.
Die plastische Verformung des Quarz bewirkte eine Vorzugsorientierung der kristallographischen Achsen ebenso wie der Korngrenzen. Diese verlaufen überwiegend horizontal und damit parallel zu der durch Hellglimmer (grüne Farben) definierten Schieferung, aber auch von links oben nach rechts unten. Diese Asymmetrie der Quarz-Kornformen läßt ebenso wie die der sich während der Verformung rigide verhaltenden, passiv vom Quarz umflossenen Granatkörner (dunkelbraun) erkennen, daß die Scherung linkssinnig war, das heißt jeweils weiter oben befindliches Material wurde bezüglich des darunterliegenden nach links transportiert. Dieser Vorgang fand während der Kollision der europäischen mit der afrikanischen Kontinentalplatte bei etwa 500 °C und 7-8 kbar statt (entsprechend etwa 25-30 km Tiefe); das Gestein bezeugt das Hauptstadium des Aufstieges von Erdmantelmaterial aus Tiefen von bis zu 200 km, das heute in der Aduladecke an der Erdoberfläche zu finden ist.
Dieses Foto war Titelbild des Mikrokosmos 95, Heft 3 (2006).
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Mylonit aus der Aduladecke (Passo del San Bernardino, Graubünden), Dicke ca. 25 µm, Präparation durch Rainer Schwarz, Aufnahme von Dr. Horst Wörmann.
Probe A178: Sediment der Misoxer Zone aus dem Val Vignun

Der Dünnschliff A178 ist aus einem
metamorph überprägten
Sediment der Misoxer Zone aus dem Val Vignun (östlich des Passo del San Bernardino, Graubünden) präpariert worden und etwa 15 µm dick. Das Gestein wurde im Randbereich eines Europa und Italien (das, allerdings nur geologisch gesehen, zu Afrika gehört) bis vor etwa 55 Millionen Jahren trennenden Ozeans abgelagert, der bei Entstehung der Alpen verschluckt wurde.
Das Photo ist unter gekreuzten Polarisatoren aufgenommen worden, so dass allein die Interferenzfarben der abgebildeten Minerale sichtbar sind. Das Bild zeigt einen Ausschnitt des Präparates von 8,4x6,5 mm Größe. Die Bildmitte beherrscht ein dunkler Kalifeldspatkristall, der in eine Umgebung aus Quarz (grau), Hellglimmer (gelb-orange), Kalkspat (bunt) und kleineren Kalifeldspatkörnern eingebettet ist.
Während diese Matrix den Kalifeldspatkristall bei der Zerscherung des Gesteins plastisch umflossen hat, blieb dieser spröde und zerbrach. Mit fortschreitender Dehnung des Gestein in horizontaler Richtung wurden die entstandenen Risse breiter, es bildeten sich jedoch keine Hohlräume, sondern gleichzeitig mit der Erweiterung der Risse kristallisierte in diesen Kalkspat aus.
Der Schliff offenbart sehr eindrucksvoll die unterschiedlichen Materialeigenschaften von Kalifeldspat, Kalkspat und Quarz bei Temperaturen um 300-400 °C: Während der Quarz sich intrakristallin verformt und der Kalkspat sehr mobil ist, verhält sich der Kalifeldspat spröde.
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Sediment der Misoxer Zone aus dem Val Vignun (östlich des Passo del San Bernardino, Graubünden), Dicke ca. 15 µm, Präparation durch Rainer Schwarz, Aufnahme von Dr. Horst Wörmann.
Probe A135: Konglomerat aus der Misoxer Zone im Val Vignun

Auch der Schliff A135 stammt aus der Misoxer Zone im Val Vignun. Das entsprechende Handstück war ursprünglich ein Konglomerat, also ein mehr oder weniger feinkörniges
Sediment, in dem gerundete Quarzschotter steckten. Geschüttet wurde dieses Sediment wahrscheinlich von einem einst zwischen Europa und Italien befindlichen kontinentalen Sporn, der von diesen jeweils durch einen Ozean getrennt war und Verbindung mit Spanien hatte. Während der Kollision der Kontinente, bei der die Alpen entstanden, wurde das Gefüge des feinkörnigen Sedimentanteils völlig ausgelöscht.
Das Photo wurde unter gekreuzten
Polfiltern aufgenommen, das Bild zeigt einen Ausschnitt des Präparates von 8,1x5,6 mm Größe. Der feinkörnige Quarz (grau) und der Hellglimmer (blau) der Gesteinsmatrix rekristallisierten und zeigen Ansätze einer mylonitischen Zerscherung mit Bildung einer Schieferung. Diese Scherung war jedoch nicht intensiv genug, auch die Gerölle zu zerlegen. Zwar sind innerhalb des elliptischen Gerölls in der Bildmitte kleinere Quarzkörner entlang der Korngrenzen größerer Körner gewachsen, jedoch sind diese ebenso wie die charakteristische Eiform des Gerölls noch intakt.
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Konglomerat aus der Misoxer Zone im Val Vignun, Dicke ca. 25 µm, Präparation durch Rainer Schwarz, Aufnahme von Dr. Horst Wörmann.
Probe TN02: Metapelit (metamorpher Tonschlamm)
Die Probe TN02 ist ein Metapelit (ein metamorpher Tonschlamm), genauer ein Staurolith-Hellglimmer-Schiefer. Das Bild wurde mit gekreuzten Polfiltern und Lambda-Platte aufgenommen.
Bei dem großen graublauen Korn in der Bildmitte handelt es sich um Staurolith, die WSW-ENE-verlaufende Ader hindurch besteht aus Chlorit. Die kleinen, magenta-farbenen Einschlüsse, die auch rechts vom Staurolith und links unterhalb vorkommen, sind Granate. Die Matrix besteht fast ausschließlich aus Hellglimmer (mit etwas Biotit, den man dieser Einstellung aber nicht gut unterscheiden kann). Das gekörnte Band direkt über dem Staurolith besteht aus Quarz.
Das Staurolith-Korn hat eine Größe von 4,1 x 3,5 mm.
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Metapelit, Dicke ca. 25 µm, Präparation durch Willi Tschudin, Aufnahme von Dr. Horst Wörmann.
Probe TB205: metamorphes Gestein aus den Zentralalpen

Bei dem Material dieser Probe handelt es sich um ein
metamorphes Gestein aus den Zentralalpen im Südosten der Schweiz nahe der italienischen Grenze (Val Mesolcina, Graubünden). Das Gestein war ursprünglich ein Schlamm, der in einem Schelfmeer am Südrand des damaligen Europas wahrscheinlich in der Kreidezeit abgelagert worden war. Dieser Schelf wurde vor etwa 50 Millionen Jahren nach Süden unter den italienischen (apulischen) Mikrokontinent subduziert, nachdem der dazwischenliegende Ozean schon vollständig verschwunden war. Das Eintreten des europäischen Kontinentalrandes in die Subduktionszone führte schließlich zur Bildung der Alpen.
Bei der Versenkung gerieten die Ablagerungen auf den Schelf unter hohe Drücke und Temperaturen. Das fotografierte Material war vor etwa 40 Millionen Jahren bei Temperaturen von etwa 700 ºC in einer Tiefe von über 70 Kilometern. Bei so hohen Temperaturen wachsen in einem Schlamm neue Minerale wie Glimmer, Granat, Quarz, Feldspat und auch weniger bekannte Minerale wie die Alumosilikate – aus dem Ton wird so ein besonderer Gneiss, ein so genannter Granat-Glimmerschiefer. Dieser Prozess ist dem Brennen von Ton im Ofen vergleichbar, nur dass der Schlamm einige Millionen Jahre im Brennofen ist und so die neuen Minerale viel größer als in einem Scherben wachsen können. Einige Minerale sind auch druckabhänging und entstehen nur in großen Tiefen
Diese Probe enthält besonders prächtigen Staurolith (das große, bläuliche Korn im Zentrum des Ausschnitts und das gelbe Korn im unteren rechten Bereich). Staurolith ist ein aluminiumreiches Silikat und gewachsen, als das Gestein bei immer noch hohen Temperaturen schon wieder auf dem Weg zurück an die Oberfläche war– in etwa 30 Kilometer Tiefe bei etwa 650 ºC. Die Staurolithkörner sind in eine Matrix aus Hellglimmer (die kleinen, violetten Leisten in der oberen rechten Bildhälfte) und Quarz (die bunten, mosaikartigen Körner unten links) eingebettet. Ein anderes verbreitetes Mineral, das auch in großen Kristallen auftritt, ist Granat. Der Randbereich eines hier dunkelvioletten erscheinenden Granatkornes ist ganz unten links zu sehen. Granat, Hellglimmer und Quarz wuchsen schon auf dem Weg in die Tiefe. Der Staurolith ist also relativ spät und auf Kosten dieser Minerale gewachsen (einige kleine Granatreste sind als Einschlüsse in dem grossen Staurolithkorn erhalten). Deshalb ist der Staurolith auch in seiner schöne Kristallform erhalten, wogegen die Granate “angeknabbert’ sind. Ebenfalls schon auf dem Rückweg sind in dieser Probe kleine Mengen an Dunkelglimmer gewachsen (die dunkelgrünen, länglichen Leisten unten rechts neben dem Granatkorn und die vereinzelten grünen Körner im Hellglimmerfilz). Ganz spät in der Geschichte dieses Gesteins sind die Brüche im Staurolith entstanden, entlang derer das Mineral Chlorit auftritt. Geologen können anhand der verschiedenen Minerale und deren Wachstumsbeziehungen die Druck- und Temperaturgeschichte eines Gesteins rekonstruieren und so wichtige Rückschlüsse auf den Ablauf der Gebirgsbildung anstellen.
Das Foto zeigt einen Ausschnitt von etwa 4,2 x 3,1 mm
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Metamorphes Gestein aus den Zentralalpen (Val Mesolcina, Graubünden), Dicke ca. 25 µm, Präparation durch Willi Tschudin, Aufnahme von Dr. Horst Wörmann.
Literatur
Jan Pleuger und Horst Wörmann, Mikrotektonik – Die Verformung von Gesteinen im Dünnschliff betrachtet.
Mikrokosmos 95, Heft 3, S. 133-141 (2006)
Bilder A48, A135, A178:
Text: Dipl.-Geol. Dr. Jan Pleuger
Präparation: Rainer Schwarz
Bilder TN02 und TN205:
Text: Priv.-Doz. Dr. Thorsten Nagel
Präparation: Willi Tschudin
Fotos:
Dr. Horst Wörmann
Geologisches Institut
Nußallee 8
53115 Bonn